Hybride Gemische
Definition
Ein hybrides Gemisch ist eine explosionsfähige Atmosphäre, die gleichzeitig brennbaren Staub und ein brennbares Gas, einen Dampf oder einen Nebel enthält. Der Begriff beschreibt damit den Grenzfall zwischen den beiden klassischen Explosionsschutzwelten – der Gas- und der Staubexplosion –, für die jeweils eigene Zonen, Gerätekategorien und Kennwerte gelten.
Sicherheitstechnisch ist ein hybrides Gemisch nicht die Summe seiner Bestandteile, sondern eigenständig zu bewerten. Entscheidend ist: Ein hybrides Gemisch kann zündfähig sein, obwohl weder der Staubanteil noch der Gasanteil für sich allein die jeweilige untere Explosionsgrenze erreicht.
Wirkung auf die Explosionskenngrößen
Bereits geringe Anteile eines brennbaren Gases oder Dampfes verändern das Verhalten eines Staub-Luft-Gemisches erheblich:
- Die Mindestzündenergie (MZE) sinkt deutlich. Zündquellen, die für den reinen Staub unkritisch wären – etwa schwache elektrostatische Entladungen –, können ausreichen. Dies ist die praktisch wichtigste Veränderung.
- Die Druckanstiegsgeschwindigkeit steigt. Der Kst-Wert des Gemisches liegt über dem des reinen Staubes; die für Schutzsysteme verfügbare Reaktionszeit verkürzt sich.
- Der maximale Explosionsüberdruck pmax steigt. Die Lastannahme für die Behälterauslegung erhöht sich.
- Die Explosionsgrenzen verschieben sich. Die untere Explosionsgrenze des Gemisches liegt unterhalb der Einzelgrenzen von Staub und Gas.
- Die Mindestzündtemperatur kann sinken. Damit verschärfen sich die zulässigen Oberflächentemperaturen und Temperaturklassen.
Diese Effekte sind nicht linear und lassen sich nicht aus den Einzelkennwerten berechnen. Belastbare Werte liefert nur die Prüfung des tatsächlichen Gemisches unter praxisnahen Bedingungen.
Wo hybride Gemische in der Mischtechnik entstehen
In der Pulververarbeitung sind hybride Gemische häufiger, als es auf den ersten Blick erscheint. Typische Konstellationen:
- Flüssigkeitszugabe zu Pulvern: Einsprühen oder Eindosieren von Ölen, Aromen, Oleoresinen, Alkohol oder alkoholhaltigen Lösungen in den laufenden Mischprozess
- Granulation und Instantisierung: Aufbau von Agglomeraten mit lösemittelhaltigen Bindemitteln
- Beschichten und Coating: Auftrag von Lösungen oder Suspensionen auf Partikeloberflächen
- Vakuum-Mischtrocknung und Synthese: Verdampfen organischer Lösemittel in einem staubbeladenen Apparat
- Restlösemittel im Ausgangsstoff: Pulver aus vorgelagerten Prozessen, die noch flüchtige Anteile enthalten und diese im Mischraum abgeben
- Ausgasende Produkte: Stoffe, die bei Temperaturerhöhung oder mechanischer Beanspruchung brennbare Zersetzungsprodukte freisetzen
Besonders zu beachten ist der letzte Fall: Ein Prozess, der nach Auslegung rein staubförmig ist, kann durch Restfeuchte, Restlösemittel oder Zersetzung unbeabsichtigt zu einem hybriden Prozess werden.
Konsequenzen für Zoneneinteilung und Geräteauswahl
Liegt ein hybrides Gemisch vor, greift die Zoneneinteilung nach Staub allein nicht mehr. Zu bewerten sind beide Atmosphären:
- Der betroffene Bereich ist sowohl hinsichtlich der Gaszonen 0, 1 und 2 als auch hinsichtlich der Staubzonen 20, 21 und 22 einzustufen.
- Geräte und Schutzsysteme müssen die jeweils strengere Anforderung beider Betrachtungen erfüllen – sowohl bei der Gerätekategorie und dem Geräteschutzniveau als auch bei Zündschutzart und Temperaturklasse.
- Die Kennzeichnung muss die Eignung für beide Atmosphären ausweisen, also sowohl für die Gerätegruppe G als auch für D.
Auch die Wirksamkeit einzelner Schutzmaßnahmen verschiebt sich: Maßnahmen, die für Staub konzipiert sind – etwa Grenzschichtbetrachtungen zu Staubablagerungen –, greifen bei Gasen nicht, und umgekehrt sind Lüftungskonzepte für Gase bei Staub nur begrenzt wirksam.
Konstruktive Konsequenzen für Apparate
- Druckstoßfeste Bauweise: Der Auslegungsdruck ist auf Basis der Kennwerte des hybriden Gemisches zu bestimmen. Ein für den reinen Staub bemessener Apparat kann unterdimensioniert sein.
- Druckentlastung: Erforderliche Entlastungsflächen werden größer, weil der Druck schneller ansteigt. Bei Lösemitteldämpfen ist eine Entlastung ins Freie oft unzulässig; flammenlose Systeme sind dann zu prüfen.
- Inertisierung: Bei hybriden Gemischen ist die Absenkung des Sauerstoffgehalts häufig die wirtschaftlichste und sicherste Lösung, da sie beide Atmosphären gleichzeitig erfasst. Sie setzt eine kontrollierte Gaszufuhr und eine Sauerstoffüberwachung voraus.
- Explosionsentkopplung: Wegen der höheren Flammengeschwindigkeit ist die Entkopplung zu vor- und nachgeschalteten Anlagenteilen besonders kritisch.
- Verschärfte Zündquellenvermeidung: Wegen der niedrigen Mindestzündenergie gewinnen durchgehende Erdung, Potenzialausgleich, die Vermeidung mechanischer Funken und die Begrenzung der Oberflächentemperaturen zusätzlich an Bedeutung.
Dichtheit und Gasführung: Der Apparat sollte gasdicht ausgeführt sein, damit Dämpfe nicht in die Umgebung austreten und dort eine zusätzliche Gaszone erzeugen.
Richtlinien und Normen
Die Bewertung hybrider Gemische erfolgt im Rahmen derselben Richtlinien wie der übrige Explosionsschutz, insbesondere der Richtlinie 2014/34/EU für Geräte und Schutzsysteme und der Richtlinie 1999/92/EG für die Betreiberpflichten. Methodische Grundlagen liefern unter anderem EN 1127-1 für die Grundlagen und Methodik des Explosionsschutzes sowie VDI 2263 für Staubbrände und Staubexplosionen. Hybride Gemische sind im Explosionsschutzdokument ausdrücklich als solche zu benennen und zu bewerten.
Praxis-Hinweise
- Prozess vollständig erfassen: Alle Stoffe, die dem Mischer zugeführt werden oder darin entstehen können, gehören in die Betrachtung – einschließlich Reinigungsmittel, Restlösemittel und Zersetzungsprodukte.
- Kennwerte des Gemisches ermitteln: Literaturwerte für den reinen Staub sind bei hybriden Gemischen nicht belastbar. Erforderlich ist die Prüfung des realen Gemisches in einem zertifizierten Labor.
- Frühzeitig festlegen: Ob ein Prozess hybrid ist, entscheidet über Bauweise, Auslegungsdruck und Schutzkonzept. Eine nachträgliche Umstellung ist deutlich aufwendiger als die Berücksichtigung in der Planungsphase.
- Rezepturänderungen prüfen: Der Wechsel eines Bindemittels oder eines Aromaträgers kann einen bisher rein staubförmigen Prozess in einen hybriden Prozess überführen.