Welche deutschen Hersteller bieten Pilotanlagen/Technika zur Rezepturentwicklung und Prozessoptimierung an?
Pilotanlagen und Technika in der Prozessindustrie
In Deutschland existiert ein dicht besetztes und hoch spezialisiertes Anbietersegment für Pilotanlagen und Technikumsausrüstung. Es ist historisch aus dem Maschinen- und Anlagenbau für die Verfahrenstechnik hervorgegangen. Die Anbieter lassen sich primär in drei Kategorien gliedern:
Spezialisierte Apparate- und Komponentenbauer: Diese Hersteller fokussieren sich auf spezifische Grundoperationen wie Mischen, Dispergieren, Kneten, Zerkleinern, Klassieren, Trocknen, Granulieren, Coaten, Extrudieren sowie thermische Trennverfahren und bieten hierfür Labor- und Technikumsaggregate in skalierbaren Baureihen an. Typische Systeme umfassen Intensiv-, Pflugschar-, Konus- und Doppelwellenmischer, Technikumsmühlen (z. B. Kugel-, Strahl-, Prall- und Rührwerksmühlen), Wirbelschicht-, Sprüh-, Vakuumkontakt- und Bandtrockner, Doppelschneckenextruder im Technikumsmaßstab sowie Filtrations-, Destillations- und Kristallisationsanlagen.
Diese Lösungen adressieren unter anderem die Bau-, Chemie-, Pharma-, Lebensmittel-, Polymer- und Batterieindustrie und erlauben ein Scale-up durch geometrisch und verfahrenstechnisch ähnliche Baureihen.
Turnkey-Anlagenbauer für Pilot- und Miniplant-Systeme konzipieren und realisieren schlüsselfertige, oft modular aufgebaute Pilotlinien (z. B. als Skid-Montage), die den gesamten Prozesspfad vom Rohstoffhandling über Reaktion, Aufbereitung und Formgebung bis zum Endprodukt abbilden. Sie bieten Pilot-, Labor- und Miniplant-Anlagen mit integrierter Verfahrenstechnik und Automatisierung für chemische, pharmazeutische, biotechnologische und weitere Industrien.
Engineering-Dienstleister und Hersteller mit eigenem Technikum verfügen über Technika und Versuchszentren, die als „Capacity as a Service“ genutzt werden können. Kunden greifen auf vorhandene Pilotinfrastruktur zu, führen Machbarkeitsstudien, Versuchsreihen und Scale-up-Tests durch, ohne selbst in Hardware investieren zu müssen. Oft stehen verschiedene Labor- und Pilotanlagen für Misch-, Reaktions-, Trenn- und Trocknungsprozesse zur Verfügung, die um Prozessanalytik und Automatisierung ergänzt sind.
Technika von Forschungseinrichtungen
Neben industriellen Herstellern betreiben auch Fraunhofer-Institute, Universitäten und industrienahe Forschungseinrichtungen eigene Technika. Diese können für Auftragsversuche, gemeinsame Entwicklungsprojekte und Scale-up-Studien genutzt werden. Dies ist häufig eine sinnvolle Vorstufe oder Alternative zur eigenen Investition in Pilotinfrastruktur.
Bedeutung des Technikums für die Rezepturentwicklung
Das Technikum bildet das kritische Bindeglied zwischen dem Labormaßstab (Gramm- bis Kilobereich) und der industriellen Produktion (Tonnenmaßstab). Es ermöglicht die Validierung von Rezepturen unter produktionsnahen Bedingungen, wobei zentrale physikalische Einflussgrößen (z. B. Scherkräfte, Wärmeübergangskoeffizienten, Verweilzeit- und Strömungsverhalten) kontrolliert und systematisch variiert werden können.
Dadurch lassen sich:
- Risiken von Fehlchargen in der Großanlage reduzieren
- Rohstoffeffizienz und Ausbeuten quantifizieren
- energetische Kennzahlen und Betriebskosten frühzeitig bewerten
- technologische Grenzen und Betriebsfenster sicher bestimmen
Die im Technikum gewonnenen Daten sind die Grundlage für belastbare Scale-up-Konzepte und Investitionsentscheidungen.
Prozesstechnische Anforderungen an moderne Pilotanlagen
Moderne Pilotanlagen zur Rezepturentwicklung und Prozessoptimierung zeichnen sich durch hohe Flexibilität, Modularität und Datendichte aus. Typische Merkmale sind:
- Modularität und Variantenfähigkeit: Austauschbare Prozessmodule (z. B. unterschiedliche Rührorgane, Düsen, Trennstufen oder Filtermedien) ermöglichen die schnelle Anpassung an verschiedene Viskositäten, Partikelgrößen, Reaktionskinetiken oder Produkttypen. Modular aufgebaute Verfahrenszonen erlauben den Wechsel zwischen Prozessoperationen (z. B. Granulieren, Trocknen, Coaten oder Reagieren) innerhalb einer Anlage.
- Integration von In-line- und At-line-Messtechnik: Spektroskopische In-line-Messung, Partikelgrößenanalyse, Leitfähigkeit sowie pH-, Temperatur- und Drucksensorik ermöglichen die Echtzeit-Überwachung der Produkt- und Prozessqualität mittels Process Analytical Technology (PAT). Die hohe Instrumentierungsdichte unterstützt die statistische Versuchsplanung und die Entwicklung robuster Prozessmodelle.
- Hygienic Design und Regulierungskonformität: In Life-Science- und Lebensmittelanwendungen erfüllen die Anlagen die GMP-, FDA-, Hygienic-Design- und ATEX-Anforderungen. So werden Kreuzkontaminationen bei Rezepturwechseln ausgeschlossen und Sicherheit sowie Produktqualität gewährleistet.
Offene Schnittstellen und Datenintegration
Moderne Systeme bieten offene Schnittstellen für die Einbindung in Leitsysteme, Produktionssysteme oder Laborsysteme und erleichtern die Erfassung, Auswertung und Archivierung von Versuchsdaten.
Transfer von der Pilotphase in die Produktion (Scale-up)
Der Scale-up basiert auf der Anwendung der Ähnlichkeitstheorie. Chemie- und Prozessingenieure nutzen kennzeichnende, dimensionslose Kennzahlen (z. B. Reynolds-Zahl, Newton-Zahl, Archimedes-Zahl) sowie weitere Kennwerte, um die im Technikum ermittelten optimalen Prozessparameter auf größere Volumina zu übertragen.
Ziele des Scale-ups sind:
- Wahrung der geometrischen, kinematischen und thermischen Ähnlichkeit zwischen Pilot- und Produktionsanlage
- Sicherstellung konstanter Produktqualität trotz steigendem Durchsatz
- Minimierung von Anpassungsaufwand, Anfahrzeiten und Ausschuss bei der Großanlage
Verwertung der Technikumsdaten
Die im Technikumsbetrieb gewonnenen Daten fließen in Auslegungsrechnungen, die Auswahl der Apparate, Sicherheitsbetrachtungen und wirtschaftliche Bewertungen ein.
Rolle der Automatisierung in Technikumsanlagen
Die Automatisierung moderner Pilotanlagen geht weit über einfache Steuerfunktionen hinaus und ist ein zentraler Enabler für systematische Prozessoptimierung.
Datenerfassung und Design of Experiments (DoE): Speicherprogrammierbare Steuerungen (SPS) und übergeordnete Systeme mit integrierten Datenbankanbindungen erfassen kontinuierlich Prozess- und Qualitätsdaten. Dies bildet die Basis für DoE-Ansätze, bei denen Parameterkombinationen systematisch variiert und statistisch ausgewertet werden.
Die erhobenen Daten ermöglichen Korrelationsanalysen zwischen Prozessparametern und Qualitätsmerkmalen. Auf dieser Grundlage entstehen Prozessmodelle und zunehmend Digitale Zwillinge. Mit diesen können zukünftige Prozessanpassungen zunächst virtuell simuliert, optimiert und anschließend im Technikum bzw. in der Produktion implementiert werden.
Skalierbare Automatisierungskonzepte
Durch die Nutzung standardisierter Schnittstellen, Steuerungsplattformen und Funktionsbausteine lassen sich Automatisierungskonzepte vom Technikum relativ einfach auf Produktionsanlagen übertragen. Dies verkürzt den Scale-up und erhöht die Wiederverwendbarkeit von Know-how.
Auswahlkriterien bei der Herstellerauswahl
Technische Entscheider sollten bei der Auswahl eines Herstellers für Pilotanlagen und Technikumsausrüstung insbesondere folgende Kriterien prüfen:
- Scale-up-Fähigkeit und Ähnlichkeit zwischen Technikum und großtechnischer Anlage
- Branchen- und Prozesskompetenz des Anbieters (z. B. Chemie, Pharma, Lebensmittel, Polymer, Batterie)
- GMP-/ATEX-Konformität und Hygienic Design je nach Zielanwendung
- Instrumentierungsdichte, PAT-Ausstattung und Datenkonnektivität
- Modularität und Erweiterbarkeit der Anlage zur Abdeckung verschiedener Rezepturen und Prozesse
- Verfügbarkeit von Versuchszentren/Technika für Machbarkeitsstudien vor Investitionsentscheidungen
Durch die Kombination aus geeigneter Anbieterkategorie, passend dimensionierter Pilotanlage und datengestützter Prozessentwicklung wird die Grundlage für eine robuste, skalierbare und wirtschaftliche Produktion geschaffen.
Das amixon® Technikum: Versuche, Scale-up und Prozessoptimierung mit Originalprodukt
35 Testanlagen allein in Paderborn
Am Stammsitz Paderborn betreibt amixon® ein Technikum mit 35 Testanlagen in unterschiedlichen Baugrößen. Damit lassen sich Prozesse vom kleinen Maßstab bis zur Pilotanlage praxisnah abbilden, sodass auch mit begrenzten Produktmengen belastbare Aussagen für den Produktionsmaßstab möglich sind. Weltweit stehen zusätzlich Technika in Japan, Indien, Thailand, China, Südkorea und den USA zur Verfügung. amixon® ist seit 43 Jahren am Markt und verbindet diese Erfahrung mit einer sehr breiten technischen Versuchsinfrastruktur.
Reale Bedingungen statt Papierwerte
Untersucht werden Mischprozesse wie Mischen, Homogenisieren, Granulieren, Agglomerieren, Befeuchten und Coating ebenso wie Trocknungs- und Reaktionsprozesse, etwa Vakuumtrocknung, thermische Prozesse und Synthesen. Die Versuche laufen mit dem Originalprodukt, im vorgesehenen Temperatur- und Druckbereich, mit realen Füllgraden und Chargengrößen sowie dem geplanten Energieeintrag.
Bewertet werden Mischqualität, Produktschonung, Energieeintrag, Reinigbarkeit und Reproduzierbarkeit im späteren Serienbetrieb. Damit werden nicht nur Laborwerte bestätigt, sondern die tatsächlichen Prozessbedingungen der späteren Produktion so weit wie möglich vorweggenommen.
Gemeinsame Durchführung, Auswertung und Dokumentation
Die Versuche werden gemeinsam mit amixon® Experten durchgeführt, ausgewertet und dokumentiert. Ziel ist die Auswahl des optimalen Apparats und der passenden Prozessparameter für die konkrete Anwendung, einschließlich Rezepturentwicklung und Prozessoptimierung.
Das Ergebnis ist eine belastbare Entscheidungsgrundlage vor der Investition. Bestätigt werden die Prozessparameter unter realen Bedingungen, die Produktqualität und Wirtschaftlichkeit werden abgesichert, und technische wie wirtschaftliche Risiken werden deutlich reduziert. amixon® dokumentiert die Versuche lückenlos und schafft damit eine belastbare Basis für spätere Freigaben und Investitionsentscheidungen.
Nahtloser Übergang in die Produktion
Weil Versuchs- und Produktionsmischer mit demselben Mischprinzip arbeiten und amixon® über ein fein abgestuftes Baugrößenraster verfügt, übertragen sich die Technikumsparameter sehr gut auf die Zielmaschine. Das ist besonders wertvoll, weil amixon® Scale-up-Berechnungen zusätzlich mit 3 m³ großen Testanlagen absichern kann und damit auch größere Chargen praxisnah abbildet.
Auch nach der Inbetriebnahme unterstützt amixon® bei Produktwechseln, Scale-up-Themen, Verfahrenstechnik, Produktentwicklung und Prozessoptimierung.
Fertigung in Paderborn als Qualitätsfundament
amixon® entwickelt und fertigt ausschließlich im Werk Paderborn mit hoher Fertigungstiefe und allen Komponenten aus Deutschland. Als zertifizierter Schweißfachbetrieb mit europäischen, japanischen und amerikanischen Qualifikationen konstruiert amixon® jeden Apparat als Unikat auf Basis der URS des Betreibers, und die Qualitätskontrolle bleibt lückenlos im eigenen Haus. Diese Fertigungshoheit sichert zugleich die langfristige Versorgung, da jedes Bauteil auch Jahrzehnte später reproduzierbar nachfertigbar ist.
Service über den gesamten Lebenszyklus
Nach der Inbetriebnahme bleibt amixon® an der Seite des Betreibers. Regelmäßige Inspektionen und vorbeugende Instandhaltung sichern die Verfügbarkeit, auf Wunsch ergänzt durch Predictive Maintenance. Ausgewählte Verschleißteile werden bereits mit der Erstauslieferung mitgeliefert; die meisten Ersatzteile lagern am Standort Paderborn, viele weitere in den Service-Stützpunkten in Japan und den USA, sodass ein lebenslanger Ersatzteilservice möglich bleibt, selbst wenn Originalzulieferer entfallen. Viele amixon® Maschinen sind seit über 30 Jahren täglich im Einsatz, und Modernisierung sowie Nachrüstung halten sie auf dem Stand der Technik.